In roten Schuhen durch den Schnee

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Es ist eine verzaubernd-poetische Reise, zu der das Theater Orlando in seiner neuen Spielzeit einlädt. Nach einer kreativen Pause widmet sich das Duo Sylvia Meining und Ulf Goerges dem dänischen Dichter Hans Christian Andersen (1805-1875). „Schwefelhölzer & neue Kleider“ ist eine melancholisch grundierte Hommage an einen großen Schriftsteller, der noch immer verzaubert.

Von Britta Lübbers

Nur wenige Schritte trennen die Theatergäste im Palais Rastede von der Gestalt auf der Parkbank. Das Licht geht an, das Wesen hebt den Kopf, es ist eine Obdachlose, die ihre Habe in einem Plastiksack verstaut hat. Ein Herr mit einem altmodischen Zylinder betritt die Bühne, die beiden beginnen ein Gespräch. Es ist dieser Dialog – ein bisschen neckisch, meist aber nachdenklich und von Wehmut gefärbt – der den Rahmen bildet für ein Märchenstück, das zurück in die Kindheit und zugleich ans Lebensende führt. Ja, der namenlose Mann könnte der Dichter selbst sein, der aus dem 19. ins 21. Jahrhundert gereist ist. Warum nicht, das Reisen war Andersens große Leidenschaft. Insgesamt verbrachte er neun Jahre seines Lebens außerhalb von Dänemark. Hans Christian Andersen wuchs in Odense in Armut auf. Seine Mutter war Wäscherin, Analphabetin und Alkoholikerin, sein Vater, ein Schuhmacher, starb früh. Noch als Junge entschied sich Andersen für die Flucht und bestieg eine Kutsche nach Kopenhagen. Den Ankunftstag feierte er fortan als seinen zweiten Geburtstag.

Der Mann auf der Bank weiß so gut wie Andersen, was Einsamkeit ist. Und die Frau neben ihm, die weiß es auch. Bevor es aber zu traurig wird, ändert sich das Licht. Gerda und Kay tollen über die Bühne, lassen Papierflieger steigen, die sie Schneeflocken nennen. Bis ein Eissplitter das Herz des Jungen erstarren lässt. Er gehört jetzt der Schneekönigin. Und Gerda? Zieht ihre roten Schuhe an, sucht den Gefährten, findet und erlöst ihn. Liebe heißt das Zauberwort. Doch es zündet nicht immer. Das muss der Mann erfahren, der seinen Schatten verliert. Ulf Goerges malt sich das Gesicht schwarz. Es wirkt, als magere er aus, während der Schatten an Volumen gewinnt. Dieser Schemen, der vorgibt, ein Mensch zu sein. So wie Herr Kaiser vorgibt, er habe neue Kleider. Nur ein Kind hat diese Finte durchschaut, weiß die Frau auf der Bank. Und der Mann mit dem Zylinder sagt: „Ein kluges Kind“ und zeigt die Titelseite einer Tageszeitung, die verkündet: „Greta Thunberg erhält den alternativen Nobelpreis.“ Ein anderes Kind hingegen stirbt an Neujahr, es ist das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Und die kleine Meerjungfrau wird ihren Prinzen nicht bekommen. Sie wird zum Windhauch, der den Pestkranken über ihre Fieberstirnen streicht. Andersen schrieb dieses Märchen, nachdem sein bester Freund Edvard Collin geheiratet hatte. Man sagt, er sei unglücklich in ihn verliebt gewesen.

Andersen lebte immer allein. Er wollte Schauspieler, Sänger oder Balletttänzer  werden, aber er verlor seine Singstimme und war zu groß für das Ballett. So wurde er Geschichtenerfinder, einer der berühmtesten weltweit. Seine Märchen sind in mehr als 120 Sprachen erschienen.

Es gelingt Sylvia Meining und Ulf Goerges (der das Stück geschrieben hat) sehr schön, den typischen Andersen-Zauber einzufangen und zugleich eine neue Geschichte zu erzählen. Großes Lob auch für Regie (Björn Kruse), Bühne (Bernhard Weber-Meinardus), Lichtdesign (Kerstin Langer), Technik (Daniel Kretschmann) und Kostüme (Regine Meinardus). Tücher geschwenkt, Maske aufgesetzt, Krawatte gerichtet – fertig sind Luftgeister und Meerwesen, Königin und Kaiser. In einer Szene Ulf Goerges die Meerjungfrau – und es hat nichts von Klamauk. Es ist ein Spiel mit Zuschreibungen, mit Licht und Schatten – es hätte Hans Christian Andersen gewiss gefallen.

Spielplan und Reservierung: Theater Orlando, Tel. 04402 / 598820. www.theater-orlando.de.

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